Mann oder Frau? So einfach ist das nicht. Die fünf Geschlechter 2

Feminine Männer, maskuline Frauen, weder Mann noch Frau - die Bandbreite erscheint nahezu grenzenlos. Forscher bestimmen das Geschlecht nach fünf Kriterien, bisweilen ohne klares Resultat.

Sie hat einen Körper, den viele Frauen ihren Ehemännern wünschen: muskulös, groß, Sixpack. Ihre Gesichtszüge sind herb, ihre Gesten typisch männlich - zum Zeichen des Triumphs stößt die Athletin Caster Semenya die Faust in den Himmel. Ihr größter Sieg: Gold über 800 Meter bei der Leichtathletik-WM 2009. Ihr Lohn: Entzug der Starterlaubnis. Denn die Südafrikanerin ist zu viel Mann, um als "echte" Frau zu gelten. Erst ein knappes Jahr nach dem Rekordlauf und nach diversen medizinischen Untersuchungen billigt der Leichtathletikverband ihr das Recht zu, weiterhin bei den Frauen zu starten.

Menschen, die nicht in das gängige Bild von Mann und Frau passen, rufen gesellschaftliche Konflikte hervor. Denn das Geschlecht ist ein fundamentales Ordnungsprinzip, das uns Sicherheit gibt: Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau; Männer zeugen Kinder, Frauen gebären sie; Männer haben Kraft, Frauen Empathie; Männer können nicht zuhören, Frauen nicht einparken. Der Weg vom biologischen Unterschied zum gesellschaftlichen Vorurteil ist kurz.

Jeder Fötus ist zunächst als Mädchen angelegt

Doch die Wissenschaft zeigt, dass eine klare Trennlinie zwischen Mann und Frau nicht existiert. Geschlecht ist keine feste Größe, sondern besteht aus mehreren Komponenten: Mann und Frau sind nur zwei mögliche Varianten in einem schier fließenden Kontinuum der Geschlechter. "Es gibt größere biologische Unterscheide zwischen Männern als zwischen Mann und Frau", sagt Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin. "Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen immer wieder, dass eine strikte Trennung der Geschlechter nicht möglich ist." Heute unterscheidet die Forschung nach fünf Kriterien: anatomisches, genetisches, hormonelles, morphologisches und Keimdrüsengeschlecht. Und immer stehen sich eine männliche und eine weibliche Ausprägung gegenüber.

Das anatomische Geschlecht war bereits für die Menschen in der Antike deutlich sichtbar und Auslöser der Annahme, dass sich die beiden Ausprägungen des Menschen - nennen wir sie Clara und Jens - von Grund auf unterscheiden. Breites Becken, weibliche Geschlechtsorgane, kleiner Kehlkopf: Die äußerlicht sichtbaren Geschlechtsmerkmale bilden Claras anatomisches Geschlecht. Jens hat ein schmales Becken, männliche Geschlechtsorgane und einen großen Kehlkopf.

Neben solchen klaren Fällen existieren Zwischenformen. Marion Müller von der Fakultät für Soziologie an der Universität Bielefeld: "Wir sehen immer mal wieder Menschen, die wir nicht einordnen können - irgendetwas irritiert uns, aber wir wissen oft nicht sofort, was. Dominanter Kehlkopf, männliche Gesichtszüge, aber ein weibliches Becken - das könnte ein Mann oder eine Frau sein."

Selbst Hoden oder Eierstöcke sind kein eindeutiges Kriterium

Die Genetik scheint die antike Theorie von den zwei Geschlechtern zu bestätigen und spricht Clara zwei X-Chromosome zu, Jens ein X- und ein Y-Chromosom: Clara und Jens erhalten ein genetisches Geschlecht. Doch aus das ist keineswegs eindeutig, so der Marburger Humangenetiker Stefan Bohlander: "Bei einem Fötus ist immer zunächst ein Mädchen angelegt. Erst im Laufe der Reifung entwickelt sich das 23. Chromosomenpaar zu einem großen X und einem kleinen Y. Normalerweise entwickelt sich dieser Fötus zu einem Jungen - es kann aber auch ein XY-Mädchen entstehen." Dies geschieht beispielsweise, wenn es in der Embryonalphase zu hormonellen Fehlentwicklungen kommt.

Größere Eindeutigkeit könnte man nur vom Keimdrüsengeschlecht erwarten: Bei Clara sind dies ihre Eierstöcke, bei Jens seine Hoden. Ohne Keimdrüsen können sich Clara und Jens nicht fortpflanzen, deshalb sollten sie ein eindeutiges Kriterium sein. Aber auch hier gibt es Übergangsformen: Immer wieder werden Frauen geboren, die innen liegende Hoden haben - oft besitzen sie ein X- und ein Y-Chromosom. Dadurch erhöht sich zwar ihr Testosteronwert, doch ihnen fehlen die Rezeptoren an denen das männliche Hormon andocken kann - dadurch zeigt es keine Wirkung auf den Körper.  Diese Personen haben ein weibliches Erscheinungsbild und fühlen sich in der Regel auch als Frau. Sie sind Frauen mit einem XY-Chromosomensatz.

Das hormonelle Geschlecht ist entscheidender, denn Hormone bestimmen unser Leben. Haben Frauen schlechte Laune, heißt es, ihre Östrogene spielten verrückt; wenn Männer zu Machos werden, sie hätten zu viel Testoseron im Blut. Auch hier liegt der Fall komplizierter. Ärzte können nicht anhand einer Blutprobe feststellen, ob es das Blut von Clara oder von Jens ist. Denn bei beiden schwimmen die gleichen Hormone im Blut, und das Mischverhältnis variiert ständig - beeinflusst durch Ernährung und Stress.

Peter Nawroth vom Universitätsklinikum Heidelberg erklärt, warum der Hormonwert allein nichts aussagt: "Im Schnitt haben Männer zwar einen höheren  Testosteron- und Frauen einen höheren Östrogenwert. Aber die Produktion dieser Hormone hängt von vielen Faktoren ab", so der Professor für Endokrinologie. "Während des Eisprungs ist der Östrogenwert hoch, im Alter oder während einer Erkrankung niedrig; bei Depressionen sinkt der Testosteronwert stark."

Die Konzentration der Hormone im Blut hängt also vom Gesundheitszustand ab, von biologischen Vorgängen im Körper und vom Alter -bei Kleinkindern und Senioren gibt es hier keine Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Das morphologische Geschlecht beschreibt die Körperzusammensetzung eines Menschen: Weil Jens in der Regel mehr Testosteron im Körper hat, kann er leichter Muskelmasse aufbauen; weil Clara im Schnitt mehr Östrogene im Blut hat, setzt sei eher Fett an. Weil aber Jens und Clara die gleichen Hormone im Blut haben und das Mischverhältnis variiert, kann es auch andersherum kommen: Frauen können einen Waschbrettbauch haben, Männer einen Brustansatz.

Zwar entsprechen die meisten Menschen den Reinformen von Mann und Frau, dennoch sind dies nur zwei Extreme aus unendlich vielen Varianten. In Schweden existieren Toiletten und Umkleideräume für Menschen, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden könnenoder wollen. In Australien erstritt sich erstmals der intersexuelle Norrie May Welby das Recht, sich nicht entscheiden zu müssen. Vor 53 Jahren kam Norrie als Junge zur Welt, später unterzog er sich einer Geschlechtsumwandlung. Aber Norrie fühlt sich weder als Mann noch als Frau und ist sich sicher, weder das eine noch das andere zu sein - sondern eine Mischung. Trotzdem teilen wir die Menschen schematisch auf in Mann und Frau.  In Deutschland muss ein Neugeborenes innerhalb einer Woche in das Geburtenregister aufgenommen werden - erst seit 2013 darf der Standesbeamte die Angaben zum Geschlecht weglassen. Bis dahin galt: Was nicht passt, wird passend gemacht. Darunter litten vor allem Kinder, die ohne eindeutiges Geschlechtsorgan geboren wurden.

Auch "Geschlechtslose" haben ein Geschlecht. Es ist nur anders

Sie wurden oft zu früh operiert und litten später daran, im falschen Geschlecht leben zu müssen. Nun kann das Geschlecht später nachgetragen werden, wenn sich das Kind für eins entscheiden hat. Ideal ist auch diese scheinbar geschlechtsneutrale Lösung im Geburtenregister nicht, argumentiert der Psychologe Michael Wunder vom Deutschen Ethikrat: "Kein Eintrag sieht aus wie kein Geschlecht. Intersexuelle Menschen haben aber natürlich ein Geschlecht; ein anderes, was aber ganz unterschiedlich sein kann." Auch gibt es Befürchtungen, dass Eltern nun ärztliche Eingriffe bei Babys forcieren, damit ihr Kind nicht qua Geburtsurkunde als geschlechtslos dasteht.
Und auch nach der Gesetzlage gilt: Spätestens bei der Hochzeit muss dann ein Geschlecht her.

Was ist was?

Transsexualität: das anatomische Geschlecht weicht vom selbst wahrgenommen ab. Auf 30.000 Männer und 100.000 Frauen kommt in Deutschland jeweils ein Tanssexueller bzw. eine Transsexuelle.


Transvestit: Sexualforscher Magnus Hirschfeld prägte 1910 den Begriff für Personen, die Kleidung des anderen Geschlechts tragen. Heute wird er zunehmend vom Begriff Transgender abgelöst. "Transvestie" ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff "Travestie", der eine rein künstlerische Bedeutung hat und die Darstellung einer Bühnenrolle durch eine Person des anderen Geschlechts bezeichnet.


Transgender: Das körperliche Geschlecht weicht vom empfunden Geschlecht ab. "Transafrauen" sind gefühlte Frauen im Männerkörper, "Trannsmänner" Männer im Frauenkörper.


Intersexuell: Menschen mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen, die keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet werden können. Sie wurden früher auch als Zwitter oder Hermaphrodit bezeichnet.


Intergender: Menschen, die ihr Geschlecht weder als männlich noch als weiblich empfinden.


Crossgender: Menschen, die die Grenzen zwischen Mann und Frau überschreiten, vor allem im Hinblick auf herkömmliche Geschlechterrollen.


Drag: Männer, die sich wie sehr feminine Frauen kleiden und geben (drag queen) - oder Frauen, die sich besonders männlich inszenieren (drag king).


Bigender: Jemand, der sich beiden Geschlechtern zugehörig fühlt. Ähnlich verhält es sich mit "Pangender"; wer sich so bezeichnet, geht aber nicht von einer Beschränkung auf zwei Geschlechter aus.


Genderqueen: In diese Kategorie fällt alles, was keiner herkömmlichen Geschlechterdefinition entspricht.

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